Sie sind ein Stück Schweizer Tradition und haben den Medien in Vergangenheit auch schon die eine oder andere Skandalgeschichte beschert: Turnfeste. Wir sprachen mit Bruno Schmidiger, OK-Präsident des VTF Oberburg 2012, darüber, was man tun kann, damit die Stimmung nicht kippt.
Herr Schmidiger, geraten Turnfeste aufgrund ihres Volksfestcharakters besonders gerne aus dem Ruder?
Vor zehn, 15 Jahren hätte ich die Frage mit ja beantworten müssen. In den letzten Jahren arteten Turnfeste erfreulicherweise etwas weniger aus als früher, wohl nicht zuletzt, weil mehr Präventionsarbeit geleistet wird. Zudem haben auch andere Sportveranstaltungen heute vermehrt mit zügellosem Alkoholkonsum und Gewalt zu kämpfen, sodass sich die Medienaufmerksamkeit diesbezüglich vielleicht nicht mehr primär auf die Turnfeste konzentriert. Aber am Ende sind Turnfeste, wie der Name schon sagt, eben Feste und keine Meisterschaften. Da wird ausgelassen gefeiert und auch mal auf Tischen und Bänken getanzt.
Wo liegen denn die Grenzen, sprich wann hört ein Fest auf, ein Fest zu sein?
Wenn es vom Fröhlichen ins Mutwillige, Aggressive kippt. Zum Beispiel, wenn jemand für einen versehentlichen Rempler sofort böse Blicke erntet und angemacht wird. Oder wenn einfach mutwillig Inventar zerstört wird. Solche Dinge geschehen übrigens nicht nur unter Jugendlichen, sondern in allen Alterskategorien.
Ist nur der Alkohol schuld, dass Grenzen überschritten werden?
Natürlich sind die Leute oft durch Alkohol enthemmt. Aber der Alkohol alleine ist es nicht. Die Anonymität an solchen Sportveranstaltungen scheint grundsätzlich eine gewisse Verlockung darzustellen: An einem Turnfest gibt es keine Schreiner, Buchhalter, Manager und Juristen mehr, da sind alle einfach Menschen im Vereinstrainer. Und weil dies wenig mit ihrem Alltag zu tun hat, liegt die Hemmschwelle für abweichendes Verhalten tendenziell tiefer.
Was bedeutet für Sie erfolgreiche Prävention?
Als Veranstalter ist es das Wissen, dass wir im Vorfeld unser Möglichstes unternommen haben, um das Fest im guten Rahmen zu halten: geschultes Barpersonal etwa, damit der Jugendschutz eingehalten wird, und ein erfahrener Sicherheitsdienst, der richtig zu reagieren versteht, wenn trotzdem mal etwas schiefgeht. Denn auch mit den sorgfältigsten Vorbereitungen lässt sich nicht jedes Risiko beseitigen: Wir erwarten am VTF Oberburg über 3300 Turnerinnen und Turner und können nicht für jeden einzelnen die Verantwortung übernehmen.
Sie waren von 2001 bis 2007 Präsident des Turnverbands Bern Oberaargau-Emmental. Was kann ein Verband tun, damit Präventionsmassnahmen an Turnfesten umgesetzt werden?
Der Turnverband Bern Oberaargau-Emmental verabschiedete 2005 ein Organisationsreglement, in dem Präventionsmassnahmen fest verankert sind. Es nimmt den Verband, die Vereine und den Veranstalter in die Pflicht. Der Verband thematisiert die Prävention an seinen Anlässen und dient seinen Mitgliedern als Ansprechperson. Auch definiert er Massnahmen, die für die Vereine und Veranstalter einzuhalten sind. Zum Beispiel, dass an jedem Turnfest ein professioneller Sicherheitsdienst im Einsatz stehen muss.
Was hat dieses Reglement bis jetzt bewirkt?
Wir haben eine verbindliche Basis, um an Turnfesten Massnahmen umzusetzen. Das ist sehr wertvoll. Es erlaubt uns, im Vorfeld klar zu kommunizieren und am Anlass selbst konsequent durchzugreifen. Wir haben zum Beispiel die Möglichkeit, Vereine oder einzelne Mitglieder zu disqualifizieren oder für bis zu drei Jahre von Veranstaltungen unseres Regionalverbands auszuschliessen.
Sie arbeiten eng mit «cool and clean» zusammen. Wie nutzen Sie als Veranstalter das Angebot des Programms?
Wir können auf das breite Fachwissen und die Erfahrungen bei «cool and clean» zurückgreifen. Auch bietet das Programm materielle Unterstützung, die wir am VTF Oberburg für die Präventionsarbeit nutzen können: Fahnen, Zelte, Plakate, Armbänder für den Jugendschutz … Es ist ein Vorteil, dass «cool and clean» unterdessen auf nationaler Ebene gut etabliert ist, auch beim Schweizerischen Turnverband: Die Turnerinnen und Turner kennen das Logo und wissen, womit es in Verbindung steht.
Was tun Sie, wenn Leute den Alkohol selber mitbringen?
Damit wir den Jugendschutz durchsetzen können, dürfen Teilnehmer und Besucher keinen Alkohol mit aufs Festgelände nehmen. Wir haben natürlich nicht die Mittel, um eine Eingangsschleuse einzurichten, wie es etwa bei Konzerten üblich ist. Aber das Sicherheitsdispositiv ist beauftragt, bei seinen Rundgängen darauf zu achten, ob etwa jemand eine Schnapsflasche mit sich rumträgt, und dann einzuschreiten.
Wo gibt es noch Potenzial in der Präventionsarbeit an Turnfesten?
Wir setzen von Organisatorenseite schon vieles um. Und wir wollen ja nach dem sportlichen Teil auch ein Fest. Mit einem Glas Wein oder einem Bier auf einen erfolgreichen Wettkampf anzustossen, gehört dazu. Schliesslich machen wir nicht zuletzt damit den Umsatz, den wir benötigen, um die Kosten für die Veranstaltung tragen zu können. Ich wünsche mir aber wieder etwas mehr Eigenverantwortung – und auch, dass wir vermehrt den Mut aufbringen, hin- statt wegzuschauen: Man darf seinem Kollegen auch einmal sagen, dass er genug getrunken hat.
Zahlen und Fakten zum VTF Oberburg 2012
Datum: 29. Juni bis 1. Juli
Teilnehmerzahl: 3350
Helferinnen und Helfer: 530
Bruno Schmidiger